Die geschürte Angst vor der Muslimbruderschaft

Es gibt ja so Medien, die ich nicht so gerne lese. ‘Die Welt’ gehört dazu. Nun ist das sicherlich für ein SPD-Mitglied nicht überraschend, aber ich muss es wieder einmal sagen.

Ich informiere mich gerade selbstverständlich laufend über die Lage in Ägypten. Und dabei fällt mir auf, dass von einigen Medien ganz gezielt ein Schreckgespenst aufgebaut wird: die Muslimbruderschaft. Klingt ja auch erstmal ziemlich erschreckend: Muslime! Bruderschaft! Reicht sicherlich für viele schon, um davor Angst zu haben. Und wenn dann auch noch Israel und die USA vor denen warnen!

Zurück zur Welt. Da ist mir ein ganz besonders spannendes Exemplar dieser Art aufgefallen. Ein Artikel auf Welt online (ob er auch im Print war, weiß ich nicht, ich lese die Welt ja nicht – und wir haben sie auch hier in der Agentur nicht). Der Titel gibt schon die Richtung vor: Ägypten: Die gefährliche Ideologie der Muslimbrüder. Einen ausgeglichenen Artikel erwartet man da nicht.

Nun dachte ich zurück an mein Politikstudium, in dem ich mich auch mit dem Modernen Vorderen Orient beschäftigt habe. Und da schoss mir irgendwie beim Zusammenhang “Muslimbruderschaft” und “Ägypten” nicht direkt Beängstigendes durch den Kopf. Nur ein Gefühl, mein Wissen hat ordentlich gelitten in den vergangenen Jahren. Aber kurz recherchiert und schon war klar, dass mich mein Gefühl nicht betrogen hat – zumindest, wenn man Fachleuten glauben soll. Und gerade ersterem glaube ich gern, er hat mit mir studiert und ich habe ihn immer für seinen Eifer und sein Wissen bewundert (ich war kein allzu eifriger Politikwissenschaftler).

So sagt also Thomas Demmelhuber von der Uni Erlangen über die Muslimbrüder:

Sie saßen ja lange im Parlament – bis im Dezember die Parlamentswahlen massiv gefälscht wurden. Der politische Islam in Ägypten ist mehrheitlich demokratisch. Die Muslimbrüder haben die Spielregeln der politischen Partizipation anerkannt; wenn sie mitregieren würden, wären sie genau wie jede andere Regierung in nationale und internationale Zwänge eingebunden. Ein Blick auf ihre wirtschaftspolitische Agenda genügt, um festzustellen, dass die Unterschiede zu Mubaraks Wirtschaftspolitik marginal sind. Die Muslimbrüder sind in der Mitte der Gesellschaft und in der Realpolitik angekommen.

Und Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ergänzt:

Bei Wahlen darf sie zwar nicht als Partei antreten, durch formal unabhängige Bewerber bildete sie aber – zumindest bis zu den manipulierten Wahlen 2010 – die größte Oppositionsgruppe im Parlament. Schon vor Jahrzehnten haben die Muslimbrüder der Gewalt abgeschworen, sich im System engagiert und die wenigen Möglichkeiten politischer Teilhabe genutzt, die das Regime ihnen bot. Seit Mitte der 1980er Jahre nehmen sie an Wahlen teil, seit Mitte der 1990er Jahre bekennen sie sich zu Parteienpluralismus, Meinungsfreiheit und dem Prinzip der demokratischen Machtzirkulation.

Das hätte alles auch Welt-Redakteur Günter Lachmann in Erfahrung bringen können – wenn er nur gewollt hätte. Aber lieber verbreitet er Propaganda. Wie auch in seinen einschlägigen Büchern. Statt dessen also:

Wenn also demnächst in Ägypten eine neue Regierung gebildet wird, dann muss das Land darüber entscheiden, ob eine religiös-ideologische Organisation wie die Muslimbruderschaft Teil einer zukünftigen Staatslösung sein kann oder nicht.

Und in diese Kerbe schlägt der ganze Artikel. Und darüber musste ich mich gerade aufregen. Aber was soll man bei Herrn Lachmann schon erwarten, über dessen letztes Buch der Deutschlandfunk schreibt:

Mit einer atemberaubenden Mischung aus Ahnungslosigkeit und ideologischem Eifer toupiert Günther Lachmann ein paar ganz normale Konflikte und Probleme zur Untergangsvision hoch. Dieses Buch belegt vor allem die bedenkliche Geistesverfassung der bürgerlichen Mitte in Europa, die soweit entfernt vom rechten Rand nicht ist, von dem sie sich so gerne distanziert.

Da ging es zwar um Muslime in Deutschland, aber die Richtung ist wohl die gleiche. Bedenklich, wenn solche Menschen die Meinungsbildung über eine der auflagenstärksten deutschen tageszeitungen beeinflussen. Und kein Wunder, wenn dann nur Vorurteile draußen ankommen.

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3 Reaktionen

Der Facebook Like Button wuerde sich gut im Blog machen, oder finde ich ihn nur nicht?

admin

Hallo Swetlana, jetzt ist er da.

Aber diese Weltsicht der “Welt” ist nicht wirklich neu – und mit Kommunistenangst locken die ja heute keinen mehr vom Sofa ;-)

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