Zentralasien: Eine Region rottet vor sich hin


Zentralasien ist wunderschön. Wer einmal dort war, schwärmt von den Bergen, der unberührten Natur, den archaischen Landchaften, den schönen Seen. Doch leider ist die Gruppe derjenigen, die schon mal da waren, eher klein. Das hat seine Gründe: Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan sind arme Länder, fast ohne touristische Infrastruktur und mit zweifelhaften politischen Strukturen. Lediglich Kasachstan sticht dank seines enormen Reichtums an Bodenschätzen aus dieser Reihe heraus. Doch um Kasachstan soll es hier heute nicht gehen.

Die International Crisis Group mit Sitz in Brüssel hat heute ihren Asia Report No. 201 vorgestellt. Thema: Die Infrastruktur in Zentralasien, das schließt Bildung, Ausbildung und Arbeitskräfte ein. Und das Ergebnis ist niederschmetternd. Straßen verrotten, die Stromversorgung steht kurz vor dem Zusammenbruch, Fachkräfte fehlen in allen Bereichen. Besonders schlimm steht es um Kirgistan und Tadschikistan:

Die Spezialisten vor Ort sagen, dass es schon in wenigen Jahren an Lehrern fehlen wird, die die Kinder unterrichten und es nicht mehr genug Ärzte geben wird, um die Kranken zu heilen. Stromausfälle in Tadschikistan – auf dem Land häufig zwölf Stunden am Tag oder länger – sind längst Alltag. Auch in Kirgistan sind Unterbrechungen der Stromversorgung mittlerweile nichts ungewöhnliches mehr. In beiden Ländern befürchten die Experten einen katastrophalen Systemkollaps, vor allem im Energiesektor.

Die Gründe kommen einem unheimlich bekannt vor: persönliche Bereicherung der Machtelite, massive Korruption, ineffiziente, ungerechte politische Systeme sowie fehlende finanzielle Ausstattung. Das ist nicht zuletzt auch eine Folge eines weitgehenden Desinteresses der internationalen Gemeinschaft an der Region. Zwar kämpften USA und Russland um Einfluss in Kirgistan, das Interesse- gerade der USA -  beschränkte sich jedoch weitgehend auf einen militärischen Flughafen nahe der Hauptstadt Bishkek, den die US-Administration als Basis für die Versorgung der Truppen in Afghanistan benötigte.

Bleibt dieses Desinteresse der internationalen Gemeinschaft bestehen, ist das Schlimmste zu befürchten. Kirgistan kam seit der Tulpenrevolution politisch nicht mehr zur Ruhe. Unrühmlicher Höhepunkt waren im vergangenen Jahr die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen im Süden des Landes, bei denen systematisch die usbekische Minderheit vertrieben wurde.

“Ohne organisierten Wandel von oben wächst die Gefahr chaotischen Wandels von unten”, sagt daher auch Robert Templer, Asienprogramm-Direktor der Crisis Group . “Versagende Infrastruktur könnte Staatsversagen nach sich ziehen. Das würde enorme Unsicherheit in eine der fragilsten Regionen der Welt bringen.”

Und so fordert die Crisis Group eine veränderte Herangehensweise an die Unterstützung für diese Länder. Die Koordination der Mittelverteilung müsse verbessert und die Zuteilung der Mittel stärker an qualitative Kriterien gebunden werden. Außerdem sei es wichtig, die Öffentlichkeit in den Geberländern besser über die Probleme in Zentralasien aufzuklären. Die USA, die EU, Russland und China müssten verstehen, dass die Tolerierung des aktuellen Status Quo genau die Probleme hervorbringen wird, vor denen sie sich am meisten fürchten: weitere Verarmung und Instabilität, Radikalisierung und Staatsversagen. Bislang gebe es aber keine Zeichen, dass dies im Bewusstsein der Geberländer angekommen sei.

Wohin es führt, wenn man ungerechte Staatssysteme zu lange toleriert und fördert, sieht die internationale Gemeinschaft allerdings gerade im Nahen Osten. Dass sie daraus lernt, ist allerdings nicht zu erwarten.

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Eine Reaktion

Lehrreicher Blogpost. Interessant, wenn man das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

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