Wintermärchen

Es ist eine krächzende Jungenstimme. Aber sie gibt sich Mühe. ‘Gebt mir ein F’. Ein fünf-kehliger Chor antwortet ‘F’. ‘Gebt mir ein C’. Man kann sich den Rest vorstellen. Der Junge müht sich redlich. Aber es klingt nicht beeindruckend. Doch es lässt mich lächeln.

Kurz darauf. Ein roter, zweistöckiger Regionalzug kommt sanft zum Stehen. Die Türen öffnen sich, heraus kommt eine singende Meute. Sie stimmen ein Lied an, das mit dem Ruhmreichen zu tun hat. Es klingt schräg, hat aber schopn wesentlich mehr Volumen, als der Nachwuchs zuvor. Wieder freue ich mich, und lächele.

Es ist nicht allzu lange her, da hat man, wenn man am Nürnberger Bahnhof derartigen Menschenansammlungen begegnete, eher Mitleid als Freude gespürt. Man ahnte, dass die Ärmsten am Abend mit hängenden Köpfen ihr Seidla zu sich nehmen mussten.

Wenn man sich selbst mal ins Stadion wagte, war es meist ein Akt unvernünftiger Hoffnung. Man feierte die Aufstiege, um nicht lange später wieder über den Abstieg zu trauern. Den versprengten Fangrüppchen wollte man auf die Schulter klopfen und tröstende Worte spenden.

Und jetzt: Steht man am Rot-Schwarz eingefärbten Bahnhof und spürt immer noch Bedauern. Das Bedauern, jetzt in den Zug nach München steigen zu müssen, statt in die S-Bahn zum Stadion. Bedauern, nicht im Stadion zu sitzen, wenn der Club weiter am Traum von Europa arbeitet.

Keine skeptischen Gesichter mehr am Bahnhof, Nürnberg ist eine fröhliche Fußballstadt geworden. Man gibt offen zu, ins Stadion zu gehen, und immer mehr gehen mit. Es wurde aber auch Zeit.

Früher war Cottbus immer ein ganz gefährliches Team, mit dem der Club um den Abstieg kämpfte. Heute können sie dankbar sein, dass die Jungs gnädig waren, und es bei einem 1:0 belassen haben.

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Im Zug…

Meine Jugend gleitet vorbei. Langsam lasse ich sie hinter mir. Wieder einmal.

Bekannte Häuser, vertraute Straßen. Der Zug streift sie kurz, um sie gleich darauf meinen Augen zu entreissen. Bäume, denen der karge Boden nur ein mattes Grün gönnt, winken zum Abschied. Flankiert von trostlosen Winterskeletten mühen sie sich, als Abglanz eines Waldes zu wirken.

Flache Felder funkeln in der fränkischen Februarsonne. Unbestellt holen sie Atem , ehe im Frühjahr wieder alle Kraft von ihnen abverlangt wird. Fast könnte man sie lächeln sehen, in ihrem Winterschlaf. Vertraute Wege, vielfach mit dem Rad befahren, grüßen als Zeichen des Abschieds.

Eintauchen in die Nacht des ersten Tunnels. Als das Licht zurückkehrt, fühle ich mich fremd. Die Heimat weicht zurück. Ein letztes Lächeln für die Jugend.

Dann wende ich mich ab.

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Um mal nicht zu philosophieren…

Das folgende ist besonders für mariachi, carlo und mich lustig. Der Titelsong unserer gemeinsamen Tour de France.

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Mal wieder an gsoffn,
die Entscheidung war droffn,
mim Radl nach Chateau,
und dann gem mer recht o.

Wie immer ka Frau ghabt,
drum es Fahrrad bestieng,
auf nach Frankreich,
und zwar gedieng.

Mir treten wie die Ochsn,
bergauf und bergab,
die Pedale krachen,
die Muskeln machen schlapp.

Abends gabs Nudeln
a amal an Reis,
a Colaweizen,
als Siegespreis.

Mir ham Spaß!

Der Blick schweift in die Ferne,
Gedanken ans Ziel.
Hoffnung auf das Ende,
doch Kilometer sinds viel.

Und abends die drei Chaoten,
auf dem glann Raum,
des is net grad lustig,
des is a Alptraum.

Schweißerte Trikots,
stingerte Schou,
im Bett Essensreste,
des bringt kan aus der Rou.

Statt ner Gutnachtgschicht
schmarr mer recht viel.
Net grad philosophisch,
eher recht debil.

Mal radeln wie die König,
mal radeln wie in Trance,
ja des is der Radsport,
des is die Tour de France.

Regen, Wind, Fieber, mal a diggs Knie,
is worscht, was soll der Geiz,
des grieng mer scho hi.
So brenner bloß die Muskeln, die Sonne leider nie.

Mir ham Spaß!

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Engel

Wir können fliegen.
Sanft umschlossen uns deine starken Schwingen,
ein Schutz vor der Kälte, die die Welt uns entgegenbläst.

Du bautest ein Nest aus Güte und Barmherzigkeit
und führtest uns zurück,
wann immer wir Geborgenheit brauchten.

Selbstlos schwebtest du leise über uns in dunkler Nacht,
leuchtetest den Weg und
hieltst den prasselnden Regen von uns ab.

In dein Herz nahmst du uns auf,
gabst uns Raum und Energie,
warst die Quelle, der Antrieb, das Gewissen.

Du trugst Gott in deinem Herzen
und ließt ihn strahlen,
funkeln, wie einen Diamanten.

Nun da du gesehen hast,
dass wir fliegen können,
hast du das Nest verlassen.

Nicht nur Vögel haben Flügel.

Auch Engel!

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zur Beerdigung meiner Oma 2006

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Von 2004…

Man sagt, wir würden weiser.
Doch nehmen mit dem Alter nicht
nur die Zweifel zu?

Man sagt, wir würden ruhiger.
Aber gehen uns nicht nur die
Gelegenheiten verloren?

Man sagt, wir sollten erwachsen werden.
Aber möchte nicht jeder an der Jugend festhalten,
solange es geht?

Müssen wir uns das Leben schwerer machen,
als es eh schon ist?

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Leben

Das habe ich grad gelesen: “Leben ist, was uns zustösst während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben.”

Wie wahr, wie wahr…

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Herausforderungen

Die Expedition war gut vorbereitet.

Endlich erreichte er den Gipfel. Zu oft schon hatte er im Basislager ausharren müssen, das Ziel vor Augen, und doch konnte er nicht hinauf. Nun sitzt er hier, auf einem kahlen Stück Fels im Nebel und ruht sich aus. Nach Jahren am Ziel. Zufrieden.

Plötzlich heben sich die Wolken, blauer Himmel bricht durch. Nicht weit, in der kalten Luft fast greifbar nahe und doch unerreichbar entfernt, scheint der Nachbargipfel hindurch. Wie oft schon war er an dessen Fuß gestanden und hatte bewundernd hinaufgeblickt. Voller Sehnsucht. Alle Zufriedenheit verfliegt. Unruhe macht sich breit. Dieser Berg. So schön, dass es schmerzt. So schwer zu bezwingen und doch so einladend.

Er erhebt sich und steigt hinab ins Tal. Das Ziel erreicht und doch unglücklich. Er horcht in sich hinein, sucht seinen Herzschlag. Er hört ihn nicht. Sein Herz ruht auf dem Gipfel des nächsten Berges.

Alles oder nichts…

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worte

wieso jetzt…? fragt sie.

die autos ziehen vorbei.
ohne muster.
ohne ordnung.
laut und unangenehm.

sie tun es meinen gedanken gleich.
chaos umschwirrt meinen kopf.
chaos durchdringt meine gedanken.
chaos erfasst mein leben.

wieso jetzt…? fragt sie.

die lichter verlöschen.
dunkle gestalten schleichen vorbei.
die stadt ruht in sich.
betäubt den lebensnerv.

mein verstand schläft ebenfalls.
liebe durchflutet meinen Kopf.
liebe betäubt meine gedanken.
liebe inspiriert mein leben.

wieso jetzt…? fragt sie.

ohne antwort lasse ich sie gehen.

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Und mal mit Titel: Mouth

Nothing hurts like your mouth.
Singt Gavin Rosdale.
Er hat recht.

Die Zunge sticht hinter den Lippen hervor.
Zerschneidet die Gegenwehr.
Sie tanzt.

Die Lippen beben vor Leidenschaft.
Deuten ein Lächeln an.
Sie laden ein.

Die Zähne blitzen weiß und klar.
Bohren sich in die Schulter.
Sie lacht.

Die Lippen bewegen sich ruhig.
Keuchende Worte.
Ich breche ein.

Gebe auf.

Falle hin.

Der Mund!

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Und noch eins…

Ein Gespräch.
Und doch kein Dialog.
Unverständnis hier.
Enttäuschung dort.

Ein Ziel.
Aus den Augen verloren
in der unerbittlichen Dynamik
des täglichen Kreislaufs.

Durchhalteparolen.
Mit den gleichen Worten vorgetragen.
Doch in verschiedenen Sprachen.
Gesprochene Stille.

Herausforderungen.
Unterschiede. Reibungspunkte.
Reizworte. Hoffnungen.
Eine Kluft.

Unverständnis hier.
Enttäuschung dort.
Ein Gespräch.
Und doch kein Dialog.

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