Im zuge der “Deutschland. Ein Sommermärchen”-Euphorie, klaue ich unverschämt von meinem ehemaligen Auftraggeber. Der beste Beitrag des kicker-WM-Tagebuchs.
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Das WM-Tagebuch der kicker-Redaktion: Oliver Birkner
Das Turnier der Frauen
“Wenn der Torwart ein Eigentor hält, ist das dann Tor oder nicht?” Ich sitze am Küchentisch und sehe meine Mutter entgeistert an. Wie oft wurde man im Leben schon von Frauenfragen ausgekontert, doch diese WM ist die Apotheose alles bislang Dagewesenen. Denn diese WM ist eigentlich das Turnier der Frauen.
Vier Wochen lang wollen sie einmal das machen und verstehen, was ihre Männer das ganze Jahr über machen, wenn sie samstags gegen 13 Uhr in einem Parallel-Universum verschwinden. Fiebern, zittern, trinken, Bratwurst essen, jubeln, weinen, Schiedsrichter-Entscheidungen diskutieren und nebenher den nächsten Gegner sezieren.
“Ein Tor kann man nicht halten”, sage ich. “Und immer wenn der Torwart hält, dann ist es auch kein Tor.” Das stellt meine Mutter zufrieden. Doch ich weiß, dass irgendwo im Kopf der Frau, den wir ja ohnehin oft verzweifelt versuchen zu ergründen, der nächste fußballerische Hinterhalt lauert. “Die Holländer sind ja bekannt für ihre harte Spielweise”, sagte sie letztens. Wonach meine Freundin wild nickend hinzufügte: “Stimmt. Und die Italiener stehen wie immer hinten sehr kompakt.” Mehr denn je machen mir die Frauen während dieser WM-Extravaganz in unserem Lande Angst.
Dabei dachte ich mir kürzlich, dass die anderen und besseren Hälften in Italien häufiger ins Stadion gehen und taktisch einen Tick vorne liegen. In meinen sieben Jahren auf der Halbinsel veranschaulichte mir meine Bekannte Sabrina einmal per Bierdeckel den Unterschied zwischen der Taktik von Arrigo Sacchi und Giovanni Trapattoni. Wobei die Bierdeckel bei der Trap-Taktik alle gefährlich vor dem imaginären Tor übereinander lagen. Eine Veronica untersuchte am Vorabend der Partie meines Teams Bologna gegen Inter mal akribisch alle Defensiv-Schwächen der Mailänder. Tatsächlich gewannen wir in San Siro über die “schwache linke Seite” der Interisti 1:0. Es gab aber auch Eva. Die forderte immer mehr Bälle auf dem Platz, größere Tore, eine verkürzte Spielzeit und sagte ständig: “Hey, ist doch alles nur ein …” - Sie wissen schon, dieser Satz, der Männern das Blut mit Lichtgeschwindigkeit durch die Adern pumpt.
Am Dienstagabend ist es nicht nur ein … Ich hätte das Duell zwischen Italien und Deutschland gern vermieden, denn mein innerer Sympathie-Kampf zwischen beiden Ländern lässt mich seit Tagen kaum schlafen. Was meinen Augenzustand ein bisschen an Willi erinnern lässt, der am Kiosk nebenan morgens um 11 auch gerne mal das dritte Bier öffnet. “Wenn es heute Elfmeterschießen gibt…”, beginnt meine Mutter plötzlich und allein der Gedanke daran drückt Schweißperlen an Körperstellen, wo Schweiß eigentlich zuvor noch nie auftrat. “Wenn es Elfmeterschießen gibt, ist dann sofort Schluss, wenn der Erste verschießt?”
Egal, wie die Partie heute Abend ausgeht, eines weiß ich sicher: Für all die Geduld, wenn ich während der letzten Wochen vor einem Spiel im TV cholerisch “Ruhe!” schrie, für all die Ruhe, die dann auch einkehrte, für all die Fragen, für all das Interesse, für all das Mitfeiern werde ich mich repräsentativ nach der WM bei den Frauen revanchieren, die mir nahestehen. Vielleicht ohne Hitzewellen die 56. Tasche im Laden mitbegutachten. Meiner Mutter in aller Ruhe zum 26. Mal bestätigen, dass es geschmeckt hat. Und meine Freundin vielleicht völlig unerwartet mal fragen: “Trägt man Wimperntusche eigentlich von oben nach unten auf, oder von unten nach oben?”
Oliver Birkner